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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste
Viele Reden verblassen im Laufe der Zeit. Ihre Inhalte und Ansichten werden von der Entwicklung überholt, die Sprache verliert an Eleganz und Überzeugungswirkung. Zu den Ausnahmen gehören Reden des früheren deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Neuauflagen von Büchern und CDs künden von anhaltendem Interesse.
So verdient seine Ansprache zum Internationalen Musikfest in Stuttgart am 21. September 1985 weiterhin Wertschätzung. Im Folgenden beziehe ich mich auf den Abdruck in dem Sammelband Die politische Kraft der Kultur von 1988.
„Was Musikerziehung für das heranwachsende Kind bedeutet, darüber denkt die Menschheit seit langem nach. In fast allen Kulturen begegnen wir der Musik häufig in einem Zusammenwirken mit Bewegung. Sie dient damit nicht nur dem Fest mit Tanz und Spiel, sondern auch als Heilkunst. Musiktherapie ist eine alte Medizin. Bis in die pflegerische Erziehung gehörloser Kinder hinein spielt sie eine ganz unersetzliche Rolle.“ (Seite 106 f.) Der Redner lobt „große und segensreiche Arbeit“ der Musiktherapie und rügt „ungenügende öffentliche Aufmerksamkeit“.
Ein Vierteljahrhundert später und für die Schweiz scheint mir höhere Beachtung wünschenswert, auch wenn das Bild im ersten Augenblick nicht gar so negativ anmutet. Ein Indiz mag sein, dass, wer auf dem Suchdienst der Zürcher Bibliotheken „Musiktherapie“ eingibt, etwa fünfhundert Titel angedient erhält. Bei weiter Auslegung des Begriffs können auch spirituelle Motivation und kirchliche Praxis einbezogen werden. Enge Grenzziehung sei Theoretikern überlassen. Männern, die im Badezimmer singen und den Hall tiefer Töne geniessen, geht es kaum um Kunst oder Heilung, vielmehr spornt sie spürbares Wohlbehagen an. Und wie die zu Musik sich bewegende Frauengruppe am Gymnastikabend einzuordnen ist, brauchen wir hier nicht zu deuten. Der Hinweis auf ein weites Feld mag ausreichen und zeigen, dass der Bibliotheksbefund für die Audiopädagogik nicht euphorisch stimmen muss.
Wann und warum soll sie Musik in ihre Anstrengungen einbeziehen, Kinder hören und sprechen zu lehren? Zunächst: Für alle Menschen ist Musik wohltuend - nicht jederzeit und jeden Stils, sondern temporär und passend zu Stimmung, Vorkenntnissen, Situation und Ziel. Was dem nordafrikanischen Taxifahrer gefällt, muss seinem mitteleuropäischen Fahrgast nicht zusagen, wie der Neuropsychologe Lutz Jäncke in einem Vortrag beispielhaft ausführte.
Unter Berücksichtigung der genannten Einschränkungen hat beispielsweise Gesang generell wohltuende Wirkung, auch für Menschen, die den Text nicht verstehen, weil er fremdsprachig ist oder sie ohne Hörvermögen sind. So nimmt das Ungeborene wahr, wenn seine Mutter singt. Die spannenden Abläufe sind, soweit bisher bekannt, noch nicht vollends erforscht. Audiopädagogik sollte folglich Musik stets als Mittel mit einsetzen, natürlich in einem Umfang, dass andere Aufgaben nicht ungebührlich zurückstehen. Sofern das hörgeschädigte Kind imstande ist, Klänge aufzunehmen, gilt es, Neugierde und Freude zu wecken, Aufmerksamkeit für das Spiel mit einem Instrument oder den Gesang zu erzielen und zur Nachahmung anzuregen. Bei Zuspruch und der eigenen Überzeugung des Gelingens probt das Kind weiter und übt, hohe und tiefe Töne, schnelle und langsame Rhythmen zu unterscheiden und Instrumente unbesehen zu erkennen. Im Idealfall strahlt bald das ob seiner Lernerfolge stolze Kind und drängt seine lächelnden Eltern, ihm beispielsweise eine Flöte zu beschaffen. Dass gehörlos Geborene, auditiv-verbal Geschulte ein Instrument spielen können, zählt zu den Fortschritten (Wundern?), an die wir uns gern gewöhnt haben.
Normalität für Hörbeeinträchtigte wie bei Guthörenden ist das Ziel unserer Anstrengungen. Mit Musik können wir uns ihm zumindest nähern. Wie schön, wenn eine Gruppe oder Klasse gemeinsam ein Stück aufführt und alle, auch die Hörgeschädigten, begeistert mitmachen!
Näher Interessierten sei www.musictherapy.ch empfohlen, die Website vom Schweizerischen Fachverband für Musiktherapie (SFMT). Dort erfahren wir u.a., dass bis 1550 „die Musik zum Fächerkanon eines Medizinstudiums“ gehörte.
Es Grüessli
Susi Ungricht Rex
©Susi Ungricht Rex
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