Herzlich willkommen bei www.audiopaedagogik.ch

Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

Theoretisch alles bestens, nur leider stimmte das Ergebnis dann doch nicht:  Ein kleines Detail war übersehen, überraschenderweise gab es eine Störung, irgendetwas klappte nicht, es traten zwei Faktoren gleichzeitig auf, von denen schon einer höchstselten zu registrieren ist. Wer kennt nicht solche hilflosen Erklärungen oder Ausreden.

Sie sind so gängig, dass sich die Umkehrung für einen Witz eignet: „Ja, ich verstehe, dass der Plan praktisch funktionieren kann, aber funktioniert er auch theoretisch?“ Der Schriftsteller Julian Barnes erzählt ihn mit beachtlichem Nationalstolz. Denn der Pointe von diesem „lange in Euro-Kreisen kursierenden Witz“ schickt er voraus: „Ein britischer Delegierter zu einer EU-Kommission stellt die Vorschläge seines Landes vor, die durch und durch britisch, also pragmatisch, vernünftig und detailliert sind. Der französische Delegierte denkt geraume Zeit darüber nach, nickt und gibt dann sein Urteil ab.“ (Am Fenster. Köln 2016, S. 198)

Ablehnung einer Arbeitsweise oder Methode mit nachweislichen Erfolgen ist immer wieder zu beobachten. Vielleicht kommt die Idee von der falschen Person oder Seite. Oder die Sorge vor Irritation und Mehrarbeit, wenn die Institution neue Wege geht, stärkt den Wunsch, es zu belassen, wie es ist, und hierzu zweckmässigerweise die bis anhin geübte Vorgehensweise schönzureden. Unsicherheit könnte sich bei Änderungen ausbreiten, hinsichtlich erbrachter Leistungen und lange gültiger Prinzipien oder sogar Dogmen. Ist sich das Team bei den Richtlinien einig und schafft es, ohne Aufsehen und Beschwerden zu wirken, mangelt es rasch an Selbstkritik, zumal wenn externe Prüfungen des Verbesserungspotentials zwar Schwachpunkte aufdecken, aber die Texte folgenlos in Schubladen verschwinden.

Derartige Beobachtungen dürften in guten Organisationen allenfalls kurzzeitig möglich sein, bestimmt nicht längerfristig. Unternehmen, die solche Abläufe dulden, verlieren nach marktwirtschaftlichem Ideal Kunden. Sie wandern zu innovativen Wettbewerbern ab. Diese Aufsicht scheint Sonderschulen zu fehlen. Selbstbewusste, gut informierte und motivierte Eltern herrschen nach meiner Erfahrung bei diesem Schultypus nicht vor. Bildungsferne, eingeschränkte Sprach- und Rechtskenntnisse, Autoritätsgläubigkeit aus der alten Heimat und Dankbarkeit, dass das Kind überhaupt untergebracht ist, verunmöglichen manchen Eltern ein Gespräch auf Augenhöhe. Insoweit können dem Lehrpersonal Eltern fremd, gar suspekt sein, die seine Arbeit kontrollieren, die sich erlauben, Fragen zu stellen und Alternativen aufzuzeigen.

Dies ist keine optimale Ausgangslage für eine Sitzung, wie ich sie vor den Sommerferien erlebte. Schulleitung, Lehrpersonen und Fachkräfte sowie Eltern wollten erörtern, wie es im neuen Schuljahr mit dem hochgradig hörgeschädigten Sohn weitergehen solle. Mag sein, dass es aus der Schlüssellochperspektive, für Aussenstehende, spannend gewesen wäre, die Gruppendynamik zu untersuchen. Doch Involvierte achten natürlich darauf, ob sich die Teilnehmenden auf gute Förderung des Jungen verständigten. Aber ach, von gemeinsamen Zielen und von Sachargumenten weit entfernt, eine ausführliche medizinische Stellungnahme nonchalant beiseite wischend, ebenso nicht bestreitbare Beweise, dass mit einem für die Schule ungewohnten Modell, früher anderweitig praktiziert, erfreuliche Resultate erzielt wurden, dominierte bald Konfrontation. „Das haben wir schon immer so gemacht“: Diese zweifelhafte oder dümmliche Formulierung gebrauchte wörtlich niemand, aber sie schimmerte kräftig durch.

Der eingangs geschilderte Witz von der Praxistauglichkeit, aber der Skepsis wegen vermuteter Unzulänglichkeit in der Theorie trifft den Kern etlicher Aussagen an dieser denkwürdigen Sitzung. Dass sie die genervten Eltern zum Schmunzeln verleitet hätten, wäre eine absurde Vorstellung. Weder Streben nach einer angemessenen Lösung für die weitere Entwicklung des Schülers noch Empathie war den hierfür ausgebildeten und angestellten Kräften mehrheitlich zu eigen. Mit der widerlegten Behauptung, der Junge sei zu höherem Lernniveau als dem derzeit deklarierten ausserstande, schreiben sie extrem einfache Aufgaben ohne Ansporn für den Schützling und Ehrgeiz vonseiten der Lehrpersonen auf die Agenda. Wäre es zynisch anzumerken, dass der Vor- und Nachbereitungsaufwand bei dieser Art (Heil-)Pädagogik minim ist? Wer obendrein die im Vergleich zu Regelschulen sehr moderate Elternarbeit betrachtet, könnte geneigt sein zu überlegen, ob allgemeine Erwartungen an Elan und Engagement – beispielsweise von Steuerpflichtigen - zutreffen oder ob solche Ideale nicht hinter einer Bequemlichkeit zurückstehen, zu deren Übertünchung rhetorisch gewandte Leute die passende Theorie aus Didaktik und Erziehungswissenschaft hervorzaubern.

Solche Maskerade wird auf Dauer dem Berufsstand und den Einrichtungen schaden. Sie Verwahranstalten zu nennen wäre häufig korrekt, mit hohen Preisen und tiefer Qualität. Kürzlich sagte mir eine Politikerin, die aus familiären Gründen Einblick hat, dass die Kosten derartiger Schulen im Verhältnis zu ihren Leistungen  für die Gemeinden nicht mehr hinnehmbar seien. Entweder machen die Schulen vorwärts, meinte die resolute Frau, oder wir werden andere, effiziente Wege finden, günstig für die Betroffenen wie für die Zahlenden, also die Solidargemeinschaft.

©Susi Ungricht REX