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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

„Man sieht die Sonne langsam untergehen, und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel wird.“ Dieses Zitat von Franz Kafka steht in einer Todesanzeige (NZZ 6. Juli 2016) für einen im Alter von 96 Jahren Verstorbenen. „Mit grosser Trauer nehmen wir Abschied“, bekunden die Hinterbliebenen. Der Satz des Schriftstellers wirkt gut gewählt, passend zur Situation, bei der wohl die gängige Formulierung „Plötzlich und unerwartet ...“ zum Hinschied unpassend wäre.

Kafkas Beobachtung regt zu Gedanken über Firmen, Kirchen- und Schulpflegen, Parteien, Verbände und Vereine an. Abrupte Krisen können sie erschüttern und zu Aufmerksamkeit über näher Interessierte hinaus führen. Aber der schleichende Niedergang, gleichsam auf leisen Sohlen, wird von der Öffentlichkeit oft erst erfasst, wenn es für Kehrtwende sehr schwierig oder sogar für Rettung zu spät ist. Dies kann den Dorfladen, die lokale Post oder den Frauenverein betreffen, aber auch Erstligaclubs und namhafte Unternehmen. Migros zum Beispiel hatte in ihrer Geschichte durchaus heikle Phasen, konnte aber stets beizeiten den Kurs ändern. Erfolg durch Weitsicht und Tatkraft, mit tüchtigen Führungskräften und Mitarbeitenden, elanvoll und ethisch orientiert - so könnte eine vereinfachte Zusammenfassung lauten, übertragbar auf manche andere traditionsreiche Organisation.

Dieses „Rezept“ stösst in unserem Milizsystem zunehmend an Grenzen. War es früher selbstverständlich möglich, vakante Positionen zu besetzen, gelingt es heute manchmal nur mit Mühe, Menschen mit Bereitschaft für das Engagement zu finden. Aus der Not heraus, so ist zu befürchten, verbreiten sich nachteilige Kompromisse hinsichtlich der Eignung. Am Feierabend Fachkenntnisse und Talent für Kommunikation nach innen und aussen zu erwerben, Akten zu studieren, Sitzungen und Beschlüsse vorzubereiten, kann überfordern und abschrecken. Fachlich und juristisch unhaltbare Entscheide, wie ich es jüngst vonseiten einer Schulpflege erlebte, sind normalerweise nicht auf Leichtfertigkeit zurückzuführen. Eher ist anzunehmen, dass die Beteiligten der Aufgabe nicht gewachsen  waren. Die Komplexität ist in vielen Bereichen erheblich gestiegen. Ist ein Laie, der im Gemeinderat plötzlich ein Bauvorhaben in Millionengrösse verantworten soll, mutig oder übermütig? Vorsichtige halten sich lieber einem solchen Amt fern, das bei Fehlschlägen selbstredend Besserwisser zu Anschuldigungen und Vorwürfen einlädt.

Es muss also nicht an mangelndem Gemeinsinn liegen, wenn sich zu wenige Bürgerinnen und Bürger melden. Handkehrum scheint die Situation Leute mit unlauteren Motiven wie etwa Eitelkeit und mit unklaren Motiven zu begünstigen. Wer es wie ich ablehnt, destruktive Haltung zu unterstellen, kann nicht begreifen, warum sich ein Freiwilliger in den Vorstand eines Vereins wählen lässt, dort die Kommunikation übernimmt, kurz nach seinem Start die allseits geschätzte, gründliche Website löscht und stattdessen in der Rubrik „Über uns“ (mindestens) 14 Monate lang informiert: „Bitte haben Sie ein wenig Geduld. Diese Website befindet sich noch im Aufbau.“ Als Aufmacher dient die Einladung zur ordentlichen Mitgliederversammlung mit Menüwahl und anderen Details – noch Monate nach dieser Veranstaltung. Dieser vom gesamten Vorstand „erarbeitete“ Qualitätsverlust stimmt wütend. Was aus dem Verein werden soll, beschäftigt eventuell nur Insider. Dass aber eine Stimme zu versiegen droht, die Eltern und Betroffene zu lautsprachlicher Kommunikation bei Hörbeeinträchtigung orientiert, empört mich.

Alljährlich sind Menschen neu mit dem Problem ihrer oder ihres Kindes Gehörlosigkeit konfrontiert. Sie suchen Rat und finden seit mehr als einem Jahr eine Quelle weniger (es sei denn, sie googeln und entdecken auf diesem Umweg die alte Website). Ein Vergleich: Bei den Publikumsvorträgen an unseren Spitälern herrschen eindeutig die Themen Schwangerschaft und Geburt vor. Dies ist richtig. Es genügt nicht, dass sie irgendwann mal behandelt wurden. Von Reaktionen auf meine eigene Website her weiss ich, dass Auskünfte mit klarem Profil und auf Basis praktischer Erfahrung sehr begehrt sind. Sie bildet einen Schatz, den zu heben Selbstbetroffene als Verpflichtung ansehen sollten. Sie sind optimal imstande, mit authentischen Antworten auf besorgte Fragen zu helfen, frei vom Verdacht einer Ideologie oder geschäftlicher Interessen. Ein in den USA bewanderter Autor, der von häufigen Vorsorgeuntersuchungen allein zum Schutz vor Anklagen wegen Fahrlässigkeit berichtet, bietet bezüglich Brustkrebs „eine hilfreiche Regel: Fragen Sie Ihren Arzt nicht, was er empfiehlt, sondern fragen Sie ihn, was er täte, wenn es seine Mutter wäre.“ (1) Fragen Sie eine CI-Trägerin oder einen CI-Träger, einfach über einen aktiven Verein - solange es nicht dunkel wird, könnte man mit Kafka hinzufügen.

Die Sonne und ihr Untergang animiert zu Symbolik. Arthur Koestler habe seinen berühmten politischen Roman „Sonnenfinsternis“, erschienen 1941, „geschrieben in der Hoffnung, dass die Sonne der Aufklärung nicht für immer verschwand“ (2). Aufklärung über CI  - weiterhin eine Aufgabe!

©Susi Ungricht REX

  • Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München, 5. Auflage 2007, S. 175
  • Zitat vom Text auf der Umschlagseite von der Ausgabe Hamburg / Wien 1978