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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

„Die Steinmetze der Kathedralen ... wissen, daß sie für niemanden arbeiten. Sie erschaffen Skulpturen, Wasserspeier, Geländer, Gewölbe, Linien, Blumenmuster und Rosetten, die kein Mensch mehr sehen wird, wenn sie erst einmal dort oben angebracht sind. ... Außer den Tauben, und die scheißen drauf.“ 

Unzweifelhaft vermisst der Steinmetz, der so spricht (1), Aufmerksamkeit, Anerkennung und Achtung, kurz Respekt für Leistungen seines Berufsstands, für den kaum sichtbaren Teil der Leistungen. Bei gut wahrnehmbaren Arbeiten wie Grabsteinen und Denkmälern ist die Wertschätzung vielleicht weniger gering – eine Einschränkung der harschen Aussage oder gar ein möglicher Trost, jedoch vom Steinmetz nicht formuliert. Vermutlich ist ihm klar: Selbst deutlich sichtbare Werke von hoher Qualität sind nicht vor Missachtung gefeit. Darüber hinaus dürfte ihm bewusst sein, dass er gegenüber seinem Gast, einer Lehrerin, nicht allzu sehr jammern sollte. Es könnte zu einem düsteren Wettstreit kommen, welchem Beruf verdiente Bewunderung am meisten versagt bleibt.

Dabei scheint vom Interesse her eine Lehrperson im Vorteil zu sein. SchülerInnen sind verpflichtet, am Unterricht teilzunehmen, und Eltern sollten begierig sein zu erfahren, womit sich ihre Kinder in der Schule beschäftigen. Erziehung ohne Kenntnis der Lernziele und –fortschritte, der Vorlieben zu bestimmten Fächern und Freundschaften, ohne Zuneigung, Lob und Tadel, ohne Austausch – wie soll das gehen? Wie verstehen Eltern Verantwortung, die sich in keiner Weise kümmern?

Im Rahmen einer Projektwoche an einer Primarschule stellten Jungen und Mädchen raffinierte Skulpturen her. Nur ein Teil der Eltern sah sie sich an und holte das Werk ihres Kindes ab. Um Entsorgung zu verhindern, nahm ich eine Arbeit mit, einen aus alten Quark-, Zitronen- und Trinkbechern erstellten Turm, rot, orange und gelb gestrichen. Er mutet in der Farbgebung spanisch an und weist auf das Herkunftsland der Familie hin. Der Turm erfreut BesucherInnen der Audiopädagogischen Praxis und rief schon manches Kompliment hervor. Die Eltern ignorieren den Einsatz der Gesellschaft, die solche kreativen Übungen ermöglicht, der Lehrpersonen, die Ideen sammeln, Aufgaben vorbereiten, Materialien organisieren, sich selbst fortbilden und auf Reaktion der Eltern vergeblich hoffen, vor allem aber Anstrengungen und Eifer oder mangelnden Eifer ihrer Kinder.

Solches Verhalten wirkt sich auf die Atmosphäre in Klasse und Schule nicht anregend und ermunternd aus. Sie muss ohne häuslichen Rückenwind auskommen. Lähmung droht. Wenn Eltern ihr Recht auf Kritik konstruktiv nutzen und etwas beanstanden, so verzichten sie auf – eventuell billige, unehrliche – Anerkennung im Sinne von Würdigung, aber sie bekunden Aufmerksamkeit und ermöglichen Verbesserungen in Verständnis und Umgang, im Fall einer missratenen Projektwoche an Konzept und Ausführung. Derartiges Vorgehen ist zu akzeptieren, ja zu begrüssen.

Zu einer freien Gesellschaft gehören unterschiedliche Auffassungen, wem Respekt gebührt, wessen Tat, Leistung oder Haltung, welcher hierarchischen Rangordnung wie. Oft ist Respekt verknüpft mit dem Besonderen, Überdurchschnittlichen. Es kann zu Scheu vonseiten derer führen, die hierzu nicht fähig, von Goldmedaillen oder Nobelpreisen weit entfernt sind, denen Nervenstärke und Umsicht von Rettern, Mut von Widerständlern, Kühnheit von Visionären wie jenen des neuen Gotthardtunnels fehlen.

Umgangssprachlich nimmt die Lösung vom  Zusammenhang mit positiv Herausragenden zu, wird respektvolles Miteinander gerade unabhängig von Talent und Leistung sowie von Alter, Geschlecht, Rasse und Religion verlangt. Respekt ist dann keine Auszeichnung mehr, sondern allen geschuldet. Rücksicht, so die Übersetzung aus dem Lateinischen, Rücksichtnahme und rücksichtsvolles Verhalten sind Forderungen und Ideale ohne Schranken.

Glücklicherweise gibt es weiterhin Menschen, die vorbildlich denken und handeln, häufig im Stillen, unspektakulär, zu wenig geehrt, ungenannt. Sie sind für Normalbegabte erreichbar und taugen somit zum Ansporn und zur Nachahmung besser als Genies. Etlichen dieser Menschen ist eigen, dass sie couragiert ihren Weg gehen und sich um Beliebtheit nicht scheren. Sollten sie doch einmal in der Öffentlichkeit auftreten, meiden sie geschmeidige Ausdrucksweise. Hiermit fallen sie auf, zumal an Orten, wo dieser Klartext nicht zu erwarten ist.

In der Verbandszeitschrift Sonos das nachfolgend zitierte Fazit am Ende eines längeren Artikels zu finden, überraschte mich: „Der Erfolg meiner Fachstelle ist beispielsweise dann erreicht, wenn beruflich und sozial reintegrierte Klienten es bis zur bezahlten Steuerrechnung schaffen. So kommt unser Aufwand in Form von Zahlungen an Kanton und Gemeinde wieder retour.“ (2) Respekt dem Autor Eric R. Herbertz, Vorstandsmitglied Sonos und Leiter der Gehörlosenfachstelle Basel, wie er sich nüchtern mit „Kritik an sozialen Einrichtungen“ auseinandersetzt. Dass für den angestrebten Erfolg die lautsprachliche Kommunikation sehr hilfreich ist, mag Herbertz später publizieren. Wird es dann Leute geben, die wie die Tauben auf den Kathedralen reagieren?

©Susi Ungricht REX

  1. Im Roman „Die Stimmen des Flusses“ von dem Katalanen Jaume Cabre. Das Original erschien 2004 in Barcelona. Das Zitat stammt aus der deutschen Ausgabe 2016, S. 811
  2. Ausgabe 4/2016, S. 2