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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

In hergebrachter Art ein Kind zu zeugen, zu gebären und zu erziehen, sei überholt, erklären Feministinnen. Denn Chancengleichheit von Frau und Mann im Beruf bestehe nur bei unterschiedslosen Voraussetzungen bezüglich des Familiennachwuchses. Wenn sich die Frau unbelastet von Schwangerschaft am Arbeitsplatz so wie ihr Kollege oder eventuell Konkurrent engagieren kann, braucht der Arbeitgeber keinen ausschliesslich bei Frauen möglichen Ausfall einzukalkulieren. Die Lösung bieten künstliche Befruchtung und -  irgendwann womöglich durch das medizinische Labor ersetzbar -  Leihmutterschaft. Die Mehrheit der Bevölkerung sei noch in traditionellem Denken verhaftet, zu wenig aufgeschlossen dafür, dass es gelte, mit Ausschaltung des Risikos oder Störfaktors der Schwangerschaft den Weg für ungehinderte berufliche Entfaltung und Emanzipation freizumachen.

Zu Auswirkungen auf Gefühle und Bindungen lässt sich spekulieren. Droht seelische Verarmung, wenn Karrierefrauen, Sportlerinnen, Hedonistinnen,  (Krebs-)Patientinnen und endlich, ohne spezielle Begründung, viele werdende Mütter die neuen Modelle der Fortpflanzung anwenden?

Weniger radikal ist der Ansatz einer NZZ-Redaktorin. Die Dauer von Mutter- und Vaterschaftsurlaub solle gleich lang sein, damit aus der Biologie abgeleitete Entscheide von Kostenrechnern in Personalabteilungen unterbleiben, kommentiert das Blatt die Diskussion über einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub im Frühjahr 2016. In dieser Logik wird der Grund des Mutterschaftsurlaubs ausgeblendet und einer Gleichmacherei das Wort geredet, die liberaler Gesinnung widerspricht. Aber eben: Das einzige Kriterium bildet die Aussicht auf Karriere.

Sie unabhängig vom Geschlecht zu ermöglichen, ist keine modische Forderung, sondern Grundrecht und der gesamten Gesellschaft dienliches, wichtiges Ziel. Es kollidiert mit der vor zwei Generationen hierzulande üblichen Aufgabenteilung in Familien, soweit sie Betreuung und Erziehung von Kindern anbelangt. Von wem (hauptsächlich)? Wie? Mit welchen Idealen? Wer zahlt? Einst selbstverständliche Antworten hierzu stimmen nicht mehr, wenn (Ehe-)Paare getrennt leben oder beide Elternteile aushäusig arbeiten, sogar wie Reiseleiterinnen, Langstreckenpiloten und Exportkaufleute immer wieder für mehrere Tage oder Wochen unterwegs sind. Vielleicht wird heute mehr infrage gestellt, ob  Angehörige willens, imstande oder vertrauenswürdig sind, Kinder temporär zu hüten, ob Erziehungsverantwortliche psychisch labil, gewalttätig oder alkoholabhängig sind, mit welchem Wertekanon und wie - ehrgeizig, frömmlerisch, streng etc. – zu erziehen sei. Enge Zeitfenster führen zu Problemen, wenn ein Kind wegen häufiger Erkrankung oder eines Handicaps oft und plötzlich einer Untersuchung oder Behandlung bedarf, so dass zuverlässiger Arbeitseinsatz von Mutter oder Vater gefährdet wird. Reicht ein 100%-Einkommen einer Alleinerziehenden oder in der Summe gebildet von zwei Teilzeit-Verdienern für ein würdevolles Leben inklusive einer für die soziale Entwicklung des Kindes vorteilhaften Krippe? Oder ist bei einfachen Jobs wie in den USA eine zweite Tätigkeit, ein permanentes Überstundenprogramm vonnöten?

Berichte von Kinderschutzbehörden und Gerichtsprozessen verdeutlichen, dass im Schoss der Familie aufzuwachsen tatsächlich so heikel sein kann wie in der Fiktion von Autoren, die hierin ein bürgerliches Relikt sehen, also in Theaterstücken und Filmen Untauglichkeit für die Moderne nachzuweisen suchen. Kümmern sich frühzeitig pädagogische Profis, wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingen, insofern die Eltern ihren Kindern ja nur noch sporadisch begegnen, wie es Beruf und Freizeitvergnügen zulassen, verheisst diese Botschaft. Sie kommt weitgehend ohne Begriffe wie Geborgenheit, Liebe, Nähe, Wärme und Zuwendung aus und interpretiert Verantwortung in einer Weise, die sich durchaus als egoistisch auslegen lässt. Bei dieser Form der Vereinbarkeit gerät der Familienteil knapp. Er mutet Berechenbarkeit abträglich an.

Umfassende Delegation der Betreuung und Erziehung an staatliche, soziale, kirchliche oder andere Einrichtungen kann im Einzelfall sehr gut sein, unter Umständen schmerzhaft für die Eltern, die zum Wohl ihres Kindes so entscheiden. Pauschalurteile sind zu vermeiden. Würden jedoch allgemein schon Kleinkinder ganztägig, dauerhaft oder sogar internatsmässig an fremde Stellen abgegeben, würde die Schweiz von ihrer Auffassung individueller Sorge erheblich abrücken. Zu etwa von Schweden und erst recht autoritären Regimen abweichender Haltung, zur Skepsis gegenüber im Detail schlecht kontrollierbarem Einfluss sollte unser Volk stehen. Gleichwohl wäre es falsch, den Wandel der Gesellschaft zu ignorieren und so zu tun, als gebe es nichts zu verbessern, zum Beispiel bei der Finanzierung. Sie zu prüfen, regt die Initiative „Kinderbetreuung solidarisch finanzieren“ an. Die Abstimmung im Kanton Zürich vom 25.9.2016 kann interessante Impulse enthalten. Arbeit soll sich lohnen, lautet ein Argument der Befürworter. Derzeit bleibt von einem kleinen Salär kaum etwas übrig, wenn hiervon die Kosten eines Krippenplatzes zu bestreiten sind. Wer nur auf das Geld achtet, Eigenständigkeit, (Weiter-)Bildung, soziale Kontakte und Sicherheit im Fall der Trennung geringschätzt, verzichtet dann auf den Job. Sollte jemand der Lobpreisung externer Arbeit abgeneigt sein, sie eher mit Ärger, Frustration, Mobbing und Stress anstatt mit Freude und Erfüllung verknüpfen, drängt sich dieser Verzicht bei komfortabler Finanzlage klar auf.

Auf dieser Website ist unter „Aus der Praxis – für die Praxis“ im Abschnitt „Kooperation mit Eltern und Lehrpersonen“ nachlesbar: „Kurzum, das Gespräch der Erziehungsverantwortlichen miteinander ist unerlässlich. Bei der Therapie von Kindern im Vorschulalter ist stets wenigstens ein Elternteil zugegen.“ (Januar 2008). Ich bin froh und dankbar, dass dieses Ideal bis anhin zu realisieren war, und wünsche dies weiterhin. Nach meiner Erfahrung sind intakte Familien, über Generationen hinweg, für diesen Erfolg sehr hilfreich. In den Medien steht meist das Scheitern im Vordergrund. Witz und Spott, Verbrechen und Tragödien herrschen dort vor. Vergessen wir nicht, dass etliche Familien Hervorragendes leisten, gerade hinsichtlich Angehöriger mit Behinderung. Aber schaffen wir Modelle, die jene voranbringen, die das Glück solcher Gemeinschaft nicht haben und von Ideologen übergangen werden.

©Susi Ungricht REX