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Liebe Eltern, liebe KollegInnen,
verehrte Gäste

Akademien, Volkshochschulen, weitere kulturelle Einrichtungen und Altersheime bieten auffallend intensiv Kurse zum Thema „Biographisches Schreiben“ an. Teilnehmenden werden interessante Rückblicke, Kurzweil, Gedankenaustausch und Kreativität versprochen. Diese Beschäftigung soll dem Erhalt geistiger Frische dienen und ihr Ergebnis der Nachwelt ein Bild vom Leben der Verfasserin oder des Verfassers zeichnen, wie ehrlich und zuverlässig auch immer. Korrektheit hintanstellend, spielt geradezu die Romanautorin Felicitas Hoppe mit dem Reiz einer Selbsterfindung in „Hoppe“ (Frankfurt am Main 2012).

KursleiterInnen bezeichnen sich nicht selten als TherapeutInnen. Ihr Augenmerk richtet sich nicht primär auf literarische Qualität und historisch eindrückliche Recherche. Psychisch positive Wirkung scheinen die Veranstalter klar zu erwarten, das Risiko gering zu halten, dass jemand wegen nachträglich erkannter ungenutzter Chancen und beim Sinnieren über widrige Schicksalsschläge verzweifelt oder sich in eine Opferrolle hineinsteigert. *

Berühmte und gerühmte, auflagenstarke Bücher wie „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger oder „Lügen in Zeiten des Krieges“ von Louis Begley faszinieren LeserInnen, weil sie – teilweise sehr grausame - Realität und persönliche Erlebnisse stilistisch grossartig verknüpfen, Sachverhalt und Fiktion informativ und phantasievoll miteinander verweben. Bewusst lässt Begley offen, wie viel von seiner Hauptfigur, einem jüdischen Knaben, auf seine eigene Kindheit in Polen zutrifft. Ob Autobiographie oder eher Biographie, bei der Lektüre ist spürbar, dass diese beiden Schriftsteller nicht distanziert ihr Thema behandeln, sondern eigene Erinnerungen aufarbeiten.

Günstigenfalls bei Kranken ein heilsamer Prozess, wenn er rechtzeitig startet. Zu spät setzte solcher Versuch bei einem Patienten ein, der beim Schreiben feststellte: Sein „Krebs, das ist die somatische Form seiner Neurose“ (Klappentext). Auf dem Sterbebett hatte sein Psychotherapeut noch die gute Nachricht übermitteln können, dass ein Verlag sein Buch „Mars“ drucken werde, wie vom Autor erwünscht unter dem Pseudonym Fritz Zorn. Der Bericht des mit 32 Jahren verstorbenen Gymnasiallehrers erregte im Erscheinungsjahr 1977 erhebliches Aufsehen, besonders am Wohnort Zürich. „Das Kunst-Werk eines Beziehungslosen, ein im höchsten Sinn autistisches Dokument“ – so Adolf Muschg im Vorwort (S. 11. München, 6. Auflage 1977) - verstört in der Beschreibung der extrem auf Gepflogenheiten achtenden Eltern, ihrer Erziehung zu Schicklichem und Negation der Entwicklung eines eigenen, freien Willens. Der Sohn passt sich an und verkümmert, unglücklich und einsam.

Aussergewöhnliche Erfahrungen und Einsichten zu reflektieren und zu vermitteln, kann ein Impuls sein, ein prägender vor allem bei AutorInnen, die wie der Dissident Bei Ling („Ausgewiesen. Über China“) verfolgt oder vom Holocaust bedroht waren und ihre Geschichte als Mahnung ausbreiten. Sie hoffen auf erzieherische Wirkung. Ihnen kommt zugute, wenn sie ihr Eintreten für humane Werte mit Schilderung ihrer überdurchschnittlichen Berufserfolge, Ehrungen und Begegnungen mit Persönlichkeiten verbinden können, beispielsweise Hans Jonas („Erinnerungen“) und Eric Kandel („Auf der Suche nach dem Gedächtnis“). Dem Philosophen und dem Hirnforscher sind Gewandtheit im verbalen Ausdruck eigen. Über das Erlebte Hunderte von Seiten zu texten, zuvor oder währenddessen sich zu vergegenwärtigen, was einst geschah, und Zusammenhänge darzulegen, war für diese Geistesgrössen wohl auch im hohen Alter nicht allzu mühsam.

Tatsächlich stammen die meisten Autobiographien von Menschen aus dem dritten Lebensabschnitt. Mitten in der Schaffensphase fehlt oft die Musse. Auch ist seitens Führungskräften in Politik und Wirtschaft vieles noch geheim zu halten, anderes noch im Fluss. Ein Buch könnte beim Erscheinen schon überholt sein. Mit Geduld liesse sich alsbald noch eine tolle Leistung verkünden, noch mehr glänzen. Solche Motive schimmern zuweilen durch, werden vereinzelt gar dick aufgetragen, wie rasch das Stöbern und Blättern in Buchhandlungen verrät. Mangel an Demut muss den Verkaufserfolg nicht mindern. Unterhaltsame Autobiographien mit netten Anekdoten und irgendwie Prominenten sind gefragt. Wer will schon richten, was wertvoll ist, schönfärberisch, verzerrend, erhellend, aufmunternd, unwichtig oder überflüssig? Auf welche Kriterien kommt es beim Texten und Lesen an? Das mag jeder selbst entscheiden.

Eine erst 27-Jährige erklärt im Vorwort ihrer Memoiren hervorragend ihren Ansporn. Sie erhalte etliche Zuschriften, die sie nicht alle individuell beantworten könne. Mit Herausgabe ihres Buchs strebt sie Effizienzvorteile an. Zweitens hofft sie auf Denkanstösse und Überwindung von Vorurteilen, drittens möchte sie über ihr Schicksal, ihr Thema aufklären. Authentisch und sachkundig, engagiert und dankbar vorzugsweise ihren Eltern und ihrer Audiopädagogin Susann Schmid-Giovannini wendet sich die gehörlos geborene, mehrsprachige Tänzerin Sarah Neef an ein breites Publikum. „Im Rhythmus der Stille. Wie ich mir die Welt der Hörenden eroberte“ ist in einem renommierten Verlag veröffentlicht (Campus 2009). 2010 und 2011 hielt die Autorin in Kooperation mit LKH Schweiz Lesungen in Basel und Winterthur und konnte so zusätzlich an Gehörlosigkeit und lautsprachlicher Erziehung Interessierte erreichen.

„Hören ist nicht nur wunderbar. Es ist ein Wunder...“, heisst es im Prolog zu „Das Mädchen, das aus der Stille kam“. Fiona Bollag hat, 23-jährig, mit Peter Hummel und Angela Kuepper ein warmherziges Buch bei Bastei Lübbe (Taschenbuchausgabe 2008) publiziert, durchzogen vom zitierten Satz als roten Faden. Hier wie bei weiteren, mal als Books on Demand eigenständig, mal mit einem Verband oder Hersteller herausgegebenen Büchern strengen sich CI-TrägerInnen an, das Unglaubliche, für einige Laien Exotische ihres Hör- und Spracherwerbs zu verarbeiten und der Gesellschaft diesen Fortschritt kundzutun. Es ist löblich, dass die AutorInnen unabhängig von ihrem Alter aktiv geworden sind, um begreiflich zu machen, was möglich ist und welche Ziele zeitgemäss sind. Gerade anschauliche, allgemeinverständliche Texte aus dem Alltag nützen dem Wandel. Minderung der Behinderung und Integration gelingen am besten, wenn viele orientiert sind. Hierfür eignen sich Bücher als ein Mittel von etlichen. Selbst unter gut Ausgebildeten sind keineswegs alle literarisch aufgeschlossen. Insofern sind für die Breitenwirkung Broschüren und Artikel ohne hohen fachlichen oder elitären Anspruch zu begrüssen, Artikel, in denen wahrheitsgemäss und zugleich subjektiv Betroffene aus ihrem Leben erzählen. Die Geschichtsschreibung durch normale Leute – in Ergänzung zur Perspektive hoher AmtsträgerInnen – entwickelt für die Beweislage beim Thema Gehörlosigkeit ungeheure Kraft. Die Spekulation sei gewagt, dass aus den zahlreichen Beiträgen in naher Zukunft ein beachtlicher Wissenstand resultiert, dem ein Rückgang des Interesses an Texten folgt, eine Ablehnung von Ideen und Manuskripten bei Illustrierten und Magazinen, weil das Spektakuläre oder Wunderliche fehlt. An neuen Büchern zum Thema scheint der Höhepunkt bereits überschritten.

Die Mutmassung über mehr Kenntnis der Bevölkerung leitet sich auch aus immer mehr direkten Kontakten mit CI-TrägerInnen ab – infolge ihrer Zunahme und besserer Integration. Derzeit sind weltweit 250´000 Menschen mit Cochlea Implantaten versorgt, wie Prof. Norbert Dillier anlässlich der BrainFair in Zürich am 18. März 2012 erläuterte.

Freilich, von sich etwas preiszugeben, der Familie oder anonymer Leserschaft, liegt nicht allen Menschen. Ihre Vergangenheit finden sie vielleicht belanglos oder schrecklich, betrachten sich als gescheiterte Existenzen, haben erlittenes Unrecht noch nicht verdaut und möchten nicht hierüber reden. Andere mögen befürchten, als eitel zu gelten, sind eventuell schüchtern, mehr sportlich und handwerklich als intellektuell begeistert oder haben andere Gründe. Diese Haltung ist zu akzeptieren. „Es wird, solange ich lebe, hoffentlich keine Biographie von mir geben, und gewiss keine Autobiographie“, teilt der Pianist Alfred Brendel „im Rückblick auf sechzig Jahre des Konzertierens“ mit, sein Buch „Nach dem Schlussakkord“ einleitend (München 2010).

©Susi Ungricht Rex

* Eingehend Interessierte seien auf das 2011 erschienene Buch „Das Narrativ. Biografisches Schreiben im psychotherapeutischen Prozess“ hingewiesen. Es ist von Brigitte Boothe verfasst, Zürcher Professorin für klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse.